Mit wehmütigem Herzen stand ich da, und verabschiedete mich von meiner Frau. Auf ihren Wangen liefen die Tränen, während sie mich umarmte und mir Gottes Bewahrung wünschte.
Die Weiden neben unserem Haus reichten nicht mehr aus, und ich musste unsere wenige aber kostbare Schafe zum freien Feld bringen, wo sie genügend zu Essen und trinken hätten.
Ich würde einige Tage im Feld verbringen, und hatte dafür schon alles vorbereitet: ein Schlauch mit etwas Wein, einige Brote, Kleidung für die kalten Nächte, ein großes Schafsfell…
„Moment, ich hätte es beinah vergessen! Mein Stab!“
Simeon und Malek warteten schon außerhalb des Dorfes auf mich, jeder mit seiner kleinen Herde. Wir hatten sehr schöne Zeiten vor dem letzten Winter miteinander verbracht, denn wir weideten gemeinsam in den Feldern von Bethlehem unsere Schafe.
„Hallo Ruben, hast du Angst vor der Nacht, oder hat dich deine Frau nicht gehen lassen?“ – lästerte Simeon.
„Du weißt, Simeon, ich hatte Angst deine verstimmte Harfe wieder hören zu müssen!“
Wir umarmten uns nach diesem Scherz, denn wir waren gute Freunde. Eigentlich gab es auch andere Hirten mit denen wir ausgehen konnten, aber die legten mehr Wert auf Krach und Vergnügen als auf Arbeit. Außerdem wollten sie nichts von Gott wissen.
Wir haben alle Schafe vor uns eingeordnet, und folgten ihnen nach. Wir mussten gut achten, dass sie nicht auseinander gerieten, und dass kein Schaf, sich von den anderen ablöste.
Malek war ein sehr ernster Mann, sprach sehr selten, hatte aber das weichste Herz den ich je gesehen habe. Ich erinnere mich noch wie ihm eine Träne aus den Augen lief, als ich ihm über meine kranke Tochter berichtete. Mehr sagte er nicht, als ganz leise: “Der Herr wird sie wieder gesund machen.“ Tatsächlich wurde sie bald gesund, und als ich es ihm erzählt habe, grinste er zufrieden, als wollte er sagen: „Ich habe es doch gesagt!“
Wir waren schon seit über eine Stunde unterwegs, denn die Schafe hatten es nicht eilig, da sie genügend frisches Gras fanden. Die Sonne ging unter, und hinterließ einen goldenen Schein über die Berge und Hügel.
Doch auf einmal fingen die Schafe an schneller zu gehen. Sie hatten den kleinen Bach gesehen, und eilten hinab um ihr Durst zu stillen. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um einige Schläuche zu füllen, die wir in der Nacht benutzen könnten.
Während Simeon auffallend vom Wasser trank - er ließ das Wasser über seinen Bart und Körper fließen - beobachtete Malek die Spiegelung der Sonne über den Schaum einer kleinen Kaskade, Bach aufwärts.
„Wie gut ist unser Gott“ sagte er, obwohl er es mit Tausend schönen Worten ausdrucken wollte.
„Ich meine, du solltest Priester werden und nicht Hirte." Sagte Simeon, und bespritzte ihn mit Wasser.
„Malek hat recht“, sagte ich. Manchmal sind wir so aufgeregt mit den Beschäftigungen unseres Alltages, dass wir es einfach vernachlässigen, unseren himmlischen Vater, den Schöpfer des Universums anzubeten.
Simeon liebte Scherze, aber er konnte auch mit Demut reagieren, wenn er zurechtgewiesen wurde. Jetzt saß er dort, mit gebeugtem Haupt und flüsterte Worte die für mich einem Bußgebet ähnelten.
Wir verließen den Bach und richteten uns zur Kuppe des Hügels, wo eine große Eiche uns vor dem Tau schützen sollte. Die Schafe, legten sich ermüdet auf dem Gras, an dem sie natürlich auch weiterhin kauten.
Simeon ging durch die Herde um zu sehen, ob alles in Ordnung war, während ich und Malek ein Feuer zündeten. Zuletzt breiteten wir unsere Schafsfelle auf dem Boden aus, und machten es uns gemütlich.
Der rote Himmel löste sich allmählich in einem tiefen Dunkel aus, bis die ersten Sterne anfingen zu blinken.
"Wo ist deine Harfe?" Fragte ich Simeon.
"Bist du sicher, dass ich sie spielen soll? "
"Ach komm, du spielst ja nicht so schlimm!"
"Lasst uns den Psalm 19 singen!" Sagte Malek, als wäre er ein kleines Kind, dass ein Stück Kuchen von seiner Mutter erbittet.
"Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk" fingen wir an zu singen.
Jetzt war der Himmel ganz dunkel, besprengt mit glänzenden Sternen. In der Ferne konnten wir noch die Lichter in Bethlehem sehen, die eine nach der anderen auslöschten. Unsere Frauen und Verwandten bereiteten sich zum Schlafen vor.
Für uns drei kam der Schlaf aber nicht! Es war so schön dem Herrn Lobgesänge zu singen. Wir haben so viele Psalmen gesungen, dass wir sie nicht mehr zählen konnten.
Malek erinnerte uns daran, dass die Patriarchen: Abraham, Isak und Jakob auch Hirten waren, wie wir.
„Ruben, erzähle uns doch die Geschichte von unserem Vater Abraham!“
Ich fing an zu erzählen, wie Gott Abraham berufen hatte, bis zur Geburt seines Sohnes Isaaks. Ich bin zwar nicht der beste Geschichtenerzähler, aber in dieser herrlichen Landschaft, wirkten diese Geschichten sehr stark auf uns. Ich erzählte weiter, und unsere Herzen klopften stärker als ich zu dem Teil kam, wo Abraham beinahe seinen Sohn geopfert hatte. Die Härte, die jeden Hirten kennzeichnete, gab allmählich Platz für die Tränen, die aus Dankbahren Herzen kamen.
Wir fingen an zu beten, hoben unsere Hände zum Himmel empor, sangen zwischendrin ein Lied, und so ging es weiter, bis Simeon mit ernsthafter Stimme, was bei ihm nicht üblich war, anfing zu sprechen:
„Wisst ihr, als ich über die Geburt Isaaks hörte, diese wundervolle Geburt, habe ich mich an die Worte eines alten Priesters erinnert. Beim Passahfest, letztes Jahr, habe ich erfahren, dass einer der Priester auch Simeon hieß, und ich habe ihn angesprochen. Er war ein sehr netter Mann. Ja, wisst ihr was er mir gesagt hat? Dass in kurzer Zeit, ein Junge zur Welt kommen wird, wie Isaak, ein Sohn der Verheißung. Dieser wird der lang ersehnte Heiland der Welt sein. Ihr wisst doch, dass das Gesetz und die Propheten über das Kommen des Messias sprechen! Dieser alte Priester sagte mir noch, dass der Messias Gott selbst sei, der in menschlicher Form kommen wird, um Israel zu retten wie auch andere Völker!“
„Aber meinst du wirklich, dass der Messias bald kommen wird?“ Fragte Malek, und wollte eine sofortige Antwort.
Wir haben uns lange darüber unterhalten, und machten uns Gedanken, wie es sein würde, falls der Heiland zu unserer Zeit kommen würde.
„Ich erinnere mich an eine alte Prophezeiung, im Buch Jesaja“, sagte ich. Dort steht geschrieben: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ Es steht doch so geschrieben, nicht war?“
Irgendwann wurde es überraschend still. Keiner wollte mehr sprechen. Ich spürte etwas Merkwürdiges in mir. Es schien mir als brannte mein Herz. In den Gesichtern meiner Freunde konnte ich lesen, dass sie auch dasselbe spürten. Wir alle hatten eine leise Ahnung, dass irgendetwas Seltsames geschehen würde. Es schien mir als hätten sogar die Sterne aufgehört zu blinzeln. Ich weiß nicht wie lange wir, in Gedanken versunken, zum Himmel schauten.
Auf einmal änderte sich das ganze Szenario. Ein helles Licht schien im Himmel, so hell wie auch unerwartet, und aus dem Licht kam eine Gestalt in unserer Richtung.
Ich versuchte wegzurennen, aber meine Beine gehorchten einfach nicht, ich war wie am Boden festgenagelt. Ich schaute zu Simeon, sein Mund war weit offen, sein Gesicht verzogen. Er wollte schreien, aber es kam kein Klang raus. Malek zitterte vom Fuß bis zu den Haaren, sein Gesicht war vollkommen blass, mehr von dem Schreck als von dem hellen Licht. Aber ich hörte ihn flüstern:
“Ich wusste es, ich wusste es!“
Plötzlich sprach die Gestalt:
„Habt keine Angst, erschreckt euch nicht!“
Seine Stimme war so beruhigend, dass unsere Angst sich einfach auflöste. Wir wussten jetzt, dass es ein Engel des Herrn war. Wir konnten es spüren. Dieses Helles Licht, so pur, so herrlich! Diese Stimme, so sanft, voller Liebe! Ich weiß nicht wie ich es erklären soll, aber sogar die Schafe, die sich wegen dem Licht unruhig geworden waren, lagen sich wieder ganz ruhig zum Schlaf auf dem Gras hin.
Der Engel fuhr fort:
„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Denn euch ist heute ein Retter geboren, der ist der Messias, der Herr, in Davids Stadt.“
„Was für ein wundervoller Traum“ sagte ich zu mir selbst. „Ich möchte nie wieder aufwachen!“
Aber Simeon gab mir einen Schubs mit seinen Ellbogen.
„Träume ich, Simeon?“
„Du doch nicht, ich träume!“
Der Engel war aber noch nicht fertig. Er sagte:
„Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“
In diesem Moment geschah etwas noch herrlicheres als das Erscheinen des Engels. Ich werde es nie vergessen! Der Himmel füllte sich plötzlich mit unzählbaren Engeln, einer schöner als der andere, und sie sangen in einer lauten und entflammten Stimme.
Sogar Malek, der wenig redete, fing an Gott zu Loben, und ohne Unterlass zu schreien: „Halleluja! Halleluja!“
Simeon nahm seine Harfe und versuchte den Himmlischen Chor zu begleiten, aber er gab schnell auf, irgendwie passte es nicht zusammen!
Ich, meinerseits, konnte weder reden noch singen, ich wollte einfach hinschauen, und alles bewundern. Ich versuchte die Gesichter der Engel zu beobachten und, um ehrlich zu sein, ist es mir nicht gelungen. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass sie voller Jubel waren, sie strahlten Triumph aus, als wäre gerade etwas geschehen, auf das sie sehr lange gewartet haben.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ schallte der Gesang über alle Felder, Hügel und Täler, und füllten die Erde mit Hochstimmung.
Doch so unerwartet wie sie gekommen sind, verschwanden sie auch alle. Es schien mir, als wollten sie andere Menschen mit der Frohen Botschaft des Heilands erfreuen.
Simeon, voller Kühnheit, verlor keine Zeit, und fing an Richtung Bethlehem zu rennen. Schon auf dem Weg schrie er zu uns:
“Kommt doch, lasst uns das Kind sehen, wie der Engel uns gesagt hat!“
„Kommt, lasst uns den Heiland sehen!“ Schrie Malek lauter Euphorie, und rannte hinter Simeon her.
Ich kam auch dazu, und wir rannten nach Bethlehem. Eigentlich schien es uns als würden wir über die, vom Tau befeuchteten Felder, einfach fliegen.
Wir brauchten gar nicht viel zu suchen, um das Kind zu finden. Wir kannten alle Ställe in Bethlehem.
Jetzt standen wir vor dem Stall, wo der kleine Junge sein sollte, und fragten uns: „Was macht der Heiland der Welt eigentlich in einem Stall?“
Voller Ehrfurcht gingen wir hinein. Für uns Hirten hatte ein Stall immer den wohlbekannten Geruch und Aussehen. Aber jetzt schien es als wären wir gar nicht in einem Stall, denn wir standen vor dem König, vor dem Heiland der Welt.
Das was wir im Feld erlebt hatten, mit dem Engel und den Himmlischen Heerscharen war sehr beeindruckend gewesen, aber es konnte nicht verglichen werden, mit dem was wir jetzt vor Augen hatten.
In der Krippe, die fast nicht mehr zu erkennen war, weil sie von der sorgfältigen Mutter mit Tüchern bezogen war, lag das Kind und schlief.
Die Mutter schaute die ganze Zeit auf ihr Kindlein, sie wollte sich nichts entgehen lassen, bei jeder Bewegung des kleinen, grinste sie voller Freude und Stolz. In ihrem Gesicht konnte man den Triumph sehen, die Freude und Herzensruhe nach ihrem großen Leid.
Ich konnte zwar die himmlische Schar nicht sehen, aber ich konnte sie um uns herum spüren.
Joseph - sein Name haben wir später erfahren - stand neben der Mutter, mit seinen kräftigen Händen über ihre Schulter.
Langsam wagten wir uns näher. Wir wollten das Kind in den Armen nehmen, wir wollten es küssen, aber gleichzeitig hatten wir das Verlangen uns niederzuknien um es anzubeten.
Ich weiß gar nicht mehr wie lange wir vor dem Kind auf unseren Knien waren, bis Malek anfing zu flüstern. Er war ganz bewegt, beugte sich mit dem Gesicht zur Erde und sagte:
„Mein Herr, vergib mir meine Sünden! Ich bin so unwürdig vor dein Angesicht zu sein!“
Simeon konnte lauter Freude die Tränen nicht halten, und ich schloss mich ihm an. Noch nie hatte ich solch einen Frieden gespürt. Die Engel hatten doch gesungen: „Frieden auf Erden“!
Einige Prophezeiungen über das Kommen des Messias fingen an, mir Sinn zu machen. Ich war zwar kein Schriftgelehrter, aber irgendwie wusste ich, dass ich vor Gott selbst stand, dem Immanuel, „Gott mit uns“!
Wir blieben nicht allzu lange. Einerseits wollten wir sehr gerne bleiben, aber andererseits wollten wir die Familie nicht belästigen, und hatten auch das Gefühl, dass wir noch eine Aufgabe zu erledigen hatten: Diese frohe Botschaft den anderen Menschen zu verkündigen.
Wir verabschieden uns leise, aber als wir endlich wieder auf der Straße waren, hielt ich es nicht mehr aus und schrie so laut, dass alle es hören konnten:
„Der Heiland ist geboren, der Heiland ist geboren!!!“